Schmerz lass nach! Am 18. Mai hat die neunjährige Warterei ein Ende: Wir dürfen ein weiteres Mal unserem bärbeißigen Actionhelden mit philosophischer Ader über die Schulter schauen - Max Payne. Doch da Remedy Entertainment, Schöpfer der ersten beiden Teile, der Serie zugunsten eines gewissen Alan Wakes den Rücken gekehrt haben, stammt der neuste Teil aus der Feder Rockstar Games (Red Dead Redemption, Grand Theft Auto). Dass es sich auch bei diesem Team um fähige Entwickler handelt, steht dabei wohl außer Frage. Doch ob Rockstar nicht nur Sandkästen sondern auch flink arrangierte Action können, dass müssen sie erst einmal beweisen.
Noir mit Hawaii-Hemd?
Der gute Max ist alt geworden. Noch immer hat er mit den Ereignissen seiner Vergangenheit zu kämpfen: dem Tod seiner Frau und Tochter, dem Verlust seiner Geliebten Mona Sax? und dem Hinscheiden von Freunden. In muffigen Bars sucht er am Boden von Whiskey-Gläsern vergeblich nach Erlösung. Doch eine Reihe von Ereignissen treibt unseren rastlosen Anti-Helden nach Sao Paulo, um dort Personenschutz für eine ansässige Milliardärsfamilie zu betreiben. Die notwendige Flucht aus der eigenen Heimat, die zuvor ein wenig Seelenfrieden versprach, zieht jedoch schneller als erwartet neues Unglück nach sich. Die Tochter des Milliardärs wird gekidnappt, woraufhin sich Max an die Fersen der Entführer heftet.
Im Laufe des Geschehens stellt sich hierbei heraus, dass es sich keineswegs nur um das Handwerk Kleinkrimineller handelt, sondern weitaus mehr hinter diesen Taten steckt. Früher oder später findet sich Max in den Wirrungen einer waschechten und sehr bleihaltigen Intrige wieder.
Bitte immer schön langsam!
Rockstar Games haben sich sichtlich Mühe gegeben, den vorangegangenen Spielen Ehre zu erweisen. Durch Max? alte Synchronstimme, namentlich James McCaffrey, und musikalische Referenzen an die Vorgänger, stülpt man sich hierbei im Umgang mit den Fans die Samthandschuhe über. Ansonsten hat man sich allerdings für eine stilistische Weiterentwicklung entschieden. Anstatt vertonter Comic-Panels, die noch in den Vorgängern die Geschichte vortrefflich weiterführten, warten jetzt rasant geschnittene Sequenzen auf uns. Statt der Tristess amerikanischer Armutsviertel strahlt uns nun zumeist die Sonne Brasiliens auf den Pelz. Außerdem zeigt sich die ganze Präsentation im "Handkamera-Look": gelegentlicher Bildrausch und Filmbrandt inklusive.
Auch in spielerischer Hinsicht sah man sich in der Verantwortung, das Prinzip ein wenig aufzufrischen. Zwar ist der serientypische Bullet-Time-Effekt, durch den ihr die Umgebung mitsamt auf euch gerichteten Schüssen verlangsamen könnt, immer noch zugegen - neuerdings darf sich der gute Max in Schießereien aber auch hinter Deckung begeben. Was zuerst wie eine kleine Änderung zugunsten des derzeitigen Trends anmuten mag, sorgt jedoch für ein völlig neues Spielgefühl. Statt eines Third-Person-Shooters scheint Max Payne 3 eher eine generische, Deckungs-basierte Ballerei Marke Gears of War sein zu wollen. Statt atemberaubender Hechtsprünge in Zeitlupe begnügen wir uns eher mit Schüssen aus der Deckung, wodurch das Spiel leider an Eigenständigkeit verliert.
Strichmännchenzeichnung zum Psychogramm
Rockstars Haus-und-Hof-Autor Dan Houser (Red Dead Redemption, GTA IV) schafft es mit Max Payne 3 leider nicht, ähnlich tiefe Einblicke in die Psyche des von Schicksalsschlägen gepeinigten Helden zu liefern, wie in den vorangegangenen Teilen. Dafür bleibt Max einfach zu unreflektiert und flach. Er begnügt sich damit, einfach von Schusswechsel zu Schusswechsel zu trotten. Teilweise sind seine Handlungen wenig nachvollziehbar, was der Atmosphäre ungemein schadet. Bedauernswert, da uns die hervorragende Optik und Präsentation leicht in der Spielwelt versinken lassen. Nur die überstrapazierten Videoeffekte, die gerade in Sequenzen das schöne Bild im Sekundentakt malträtieren, stören recht schnell. Stilistisch müssen sich Serienveteranen damit anfreunden, dass sie es hier weniger mit Max Payne, als vielmehr einer Mischung aus Stirb Langsam, Breaking Bad und Man on Fire zu tun haben. Anstandslos gelobt werden darf aber in jedem Fall die grandiose Kameraarbeit.
Spielerisch zieht Teil 3 im Serienvergleich leider klar den Kürzeren: Max? Bewegungen wirken ungelenk, an vielerlei Stelle bleibt er sogar an Mobiliar hängen oder beendet einen Bullet-Time-Sprung frühzeitig an einer Wand. Gerade letztgenannte Aktion werdet ihr, da wenig praktikabel, im Spielverlauf nur selten auskosten. Stylishe Killcams und reißerische Scriptsequenzen rufen uns dabei den Verlust der akrobatischen Zeitlupen-Action immer wieder schmerzlich ins Gedächtnis, die leider nur zu oft in verschanztem "Blei pusten" verpufft.
Eure Widersacher glänzen hierbei leider auch nicht gerade mit Intelligenz, was sie mit besonderem "Nehmertalent" wieder wett zu machen versuchen. Teilweise schlucken sie Unmengen an Kugeln und fallen leblos Treppenabsätze hinunter, nur um am Ende der Stufen wiederaufzustehen, als wären sie gerade von einem Sonntagsspaziergang zurückgekehrt. Wenn solch ein hartnäckiger Gegner Max dann noch über den Jordan schickt und wir, dank unglücklich gesetzter Rücksetzpunkte, wieder 15 Minuten durch den jeweiligen Abschnitt watscheln dürfen, macht sich Unmut breit. Außerdem hätte dem Leveldesign ein wenig Feinschliff gut zu Gesicht gestanden - so haben wir es leider oft mit unnötig frustigen Situationen zu tun.
Payne to the Max ? imum Playercount
Max Payne und Multiplayer, kann das passen? Die Antwort ist "jein". Es passt durchaus, spielt sich hierbei allerdings auch weit weniger wie ein typisches Max Payne. Bei den Scharmützeln mit maximal 16 Spielern zählt ebenfalls weniger die markante Bullet-Time, als vielmehr der flinke Abzugsfinger und gelegentliches Deckungssuchen. Neben Standardvariationen wie Deathmatch und Team-Deathmatch, sind es vor allen Dingen die Modi Gang Wars und Paynekiller, die hervorzustechen vermögen. In ersterem erfüllt ihr mit einem Team nacheinander fünf Ziele, die zufällig aus zwölf Missionstypen zusammengewürfelt werden. Diese rangieren zwischen Capture-the-Flag- bis King-of-the-Hill-artigen Herausforderungen. Das Ganze bietet durchaus Abwechslung, konnte uns aber, aufgrund der Länge der Partien nicht langfristig motivieren.
In Paynekiller wiederum übernehmen zwei Spieler die Rolle von Max Payne und Begleiter Passos und werden vom Rest gejagt. Der Spieler, der bis zum Abschuss Max? am meisten Schaden ausgeteilt hat, übernimmt folglich die Rolle des Protagonisten, zu Passos wird automatisch der Spieler, der ihn getötet hat. Da die beiden "Spezialfiguren" wesentlich besser ausgestattet sind und mehr Schaden vertragen, sollte es immer euer Ziel sein, deren Rollen zu übernehmen, um anständig zu punkten. Durch die stetig wechselnde Teamstruktur bleibt während der Matches wenig Zeit zum Luftholen. Wer schnelle Schusswechsel sucht, wird bestens bedient.
Natürlich gehört zu einem neuzeitlichen Multiplayer-Part auch ein Levelsystem samt modifizierbarer Ausrüstung. Ein wirklich gelungener Kniff ist, dass Spieler, die sich auf höheren Stufen brachiale Argumentationsverstärker und besondere Panzerungen leisten können, beim Ausrüsten dieser unter der "Last" ein wenig verlangsamt werden. So wird versucht, zwischen den verschiedenstufigen Spielern für ausgeglichene Verhältnisse zu sorgen. Doch auch wenn uns die vernachlässigte Bullet Time im Mehrspielermodus nur wenig stört, reicht es auch hier nicht für mehr als passable Kost zwischendurch. Die Spielvariationen sorgen kurzzeitig für Unterhaltung, verstehen sich aber nicht durch allzu eigenständige Ideen von der Masse abzuheben.
Fazit: Ich bin überrascht ? nur wider Erwarten leider nicht positiv. Rockstar Games haben versucht die Essenz der ersten beiden Payne-Spiele zu transportieren, scheitern jedoch an grundlegenden Elementen. Gerade dass DAS Alleinstellungsmerkmal der Serie nur peripher genutzt wird, kränkt Serienfans. Zwar verschmerzen wir diesen Umstand im Mehrspieler-Modus schon eher, der letzte Kick bleibt aber auch hier aus. Spieler ohne "Vorbelastung" erwartet aber zumindest ein grundsolider Third-Person-Shooter, dem es lediglich an markanten Alleinstellungsmerkmalen fehlt.
